Es war ein ganz normaler Morgen. Ich war mit dem Hund unterwegs, wie so oft. Wir liefen über die Wiese und plötzlich blieb ich stehen.
Vor mir: zarte Frühlingsblumen, die sich zaghaft aus dem Boden drängten. Erste Farbtupfer, erstes Leben. Und dahinter, auf den höher gelegenen Hügeln: Schnee. Weiss, still, winterlich. Zwei Jahreszeiten, dicht nebeneinander. Nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.
Ich stand da und schaute einfach nur hin.
Und dann traf es mich – dieses Bild erinnerte mich an etwas, das ich selbst erlebt hatte. Etwas, das viele Menschen kennen, aber kaum jemand wirklich laut ausspricht: ambivalente Gefühle.
Das Leben ist nicht entweder-oder
Wir sind es gewohnt, Gefühle in Schubladen zu sortieren. Glücklich oder traurig. Stark oder schwach. Sicher oder ängstlich. Als wäre das menschliche Erleben ein Lichtschalter – entweder an oder aus.
Aber schau dir die Natur an. Sie denkt nicht in Entweder-oder. Sie lässt Winter und Frühling einfach nebeneinander existieren, ohne zu erklären, wie das möglich ist. Ohne sich dafür zu entschuldigen.
Warum erlauben wir uns das nicht auch?
Meine Geschichte: Trauer und Freiheit zur gleichen Zeit
Als meine Ehe zu Ende ging, brach vieles weg. Ein gemeinsames Leben, das wir uns aufgebaut hatten. Ein Zuhause in einer Vorstellung davon, wer ich bin und wie mein Leben aussehen soll. Die Trauer darüber war echt. Sie war schwer und zog stark an mir.
Und gleichzeitig – da war noch etwas anderes.
Ein Gefühl von Freiheit. Leise zuerst, fast schüchtern. Wie die ersten Frühlingsblumen auf einer noch halb eingefrorenen Wiese. Als würde sich etwas in mir öffnen, das lange Zeit keinen Platz hatte. Als dürfte ich plötzlich wieder atmen.
Kurz darauf lernte ich jemanden kennen. Und dieses Glück sass neben der Trauer, die noch da war. Nicht statt ihr. Neben ihr.
Und ich? Ich war dankbar dafür. Dankbar, dass ich bereits gelernt hatte: beides darf sein. Die Trauer musste ich nicht wegschieben, um dem Glück Platz zu machen. Sie durfte bleiben. Und genau deshalb musste ich sie auch nicht verdrängen. Ich konnte sie neben den Glücksmomenten einfach da sein lassen.
Die stille Erwartung: Erst leiden, dann darf es besser werden
Ich glaube, viele kennen diese innere Stimme. Die Stimme, die sagt: Du musst zuerst durch die Trauer durch. Erst wenn du alles verarbeitet hast, darfst du wieder leicht sein.
Es klingt fast tugendhaft. Wie eine Art Respekt dem Schmerz gegenüber.
Aber stimmt das wirklich?
Die Natur würde nie sagen: Erst muss der Winter vollständig vorbei sein, bevor der Frühling beginnen darf. Der Frühling kommt trotzdem. Manchmal sogar mitten in einen Schneesturm hinein.
Ambivalente Gefühle sind kein Widerspruch. Sie sind menschlich. Sie sind ehrlich. Und sie sind der Beweis dafür, dass du nicht eindimensional bist, sondern lebendig.
Warum die hellen Momente so wichtig sind
Das war kein neues Wissen für mich in diesem Moment, es war ein gelebtes Erleben von etwas, das ich bereits verinnerlicht hatte. Die guten Momente sind kein Verrat. Sie sind keine Ablenkung. Sie sind Anker.
Wenn ich in einem dunklen Moment steckte, war es genau dieses Aufflackern von Leichtigkeit, von Freude, von Verbindung, das mir zeigte: Es gibt noch mehr. Der Tunnel hat ein Ende. Du findest den Weg zurück.
Die hellen Momente löschen die dunklen nicht aus. Sie zeigen uns nur, dass beides wahr ist. Dass wir beides tragen dürfen.
Und genau das macht uns widerstandsfähig. Nicht das Vermeiden des Schmerzes, sondern das Zulassen von beidem.
Was passiert, wenn wir Ambivalenz nicht erlauben
Wenn wir uns sagen: Ich darf jetzt nicht glücklich sein, dann tun wir etwas Seltsames. Wir lehnen einen Teil unserer eigenen Wirklichkeit ab. Wir schneiden uns von etwas ab, das da ist und das uns eigentlich helfen würde.
Das Glück, das sich meldet, ist kein Verrat an der Trauer. Es ist ein Zeichen von Lebendigkeit.
Und die Trauer, die bleibt, während wir lachen, ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft. Sie zeigt nur: Wir haben geliebt. Wir haben etwas bedeutsam gefunden. Wir sind Menschen.
Das Leben ist nicht schwarz und weiss. Es ist bunt, voller Farben und Abstufungen. Manchmal sogar in einem einzigen Moment, wie eine Wiese im Frühling mit Schnee im Hintergrund.
Deine Erlaubnis
Falls du gerade in einer Situation bist, in der verschiedene Gefühle gleichzeitig da sind, vielleicht Trauer und Erleichterung, Schmerz und Dankbarkeit, Angst und Vorfreude, dann lass mich dir etwas sagen:
Du musst dich nicht entscheiden.
Du darfst beides haben. Du darfst beides fühlen. Du musst das eine nicht wegschieben, damit das andere Platz hat.
Lass sie nebeneinander existieren. Schau sie an, wie ich damals auf der Wiese stand und Winter und Frühling angeschaut habe, einfach so, ohne zu erklären, wie das möglich ist.
Es ist möglich. Du erlebst es gerade.
Manchmal ist es aber nicht so einfach, das alleine auszuhalten. Wenn die Ambivalenz sich zu gross anfühlt, wenn du nicht weisst, wie du mit all diesen widersprüchlichen Gefühlen umgehen sollst, dann darfst du dir Unterstützung holen. In einer psychologischen Beratung schauen wir gemeinsam hin, was da ist, und du lernst, dich selbst in all deinen Farben zu halten.
Nimm gerne Kontakt auf – ich freue mich, dich zu begleiten.