Umgang mit Angst: Selbstwirksamkeit statt Ohnmacht

Jacqueline Jäckle - Psychologische Beraterin und Human Design Coach in Wilen bei Wollerau, Schwyz - Jacqueline auf einer grünen Wiese im weissen Kleid.

Vielleicht kennst du gerade dieses Gefühl: Du liest kurz Nachrichten – und plötzlich ist da dieses Ziehen. Eine Schwere. Das Gefühl, dass die Welt gerade an vielen Orten gleichzeitig bricht und nicht mehr sicher ist. Es fühlt sich haltlos und ohnmächtig an. Und du bist nicht alleine damit.

Ganz normale Dinge können sich plötzlich ganz anders anfühlen als früher – und unser Umgang mit Angst wird auf die Probe gestellt. So auch bei uns heute Morgen. Zwei laute Knalle in unserer Wohnregion. Bestimmt nicht das erste Mal – denn neben uns wird gebaut. Diesmal aber lauter. Anscheinend ein Überschallflugzeug.

Doch nun bekamen diese Knalle ein neues Gefühl dazu.

Denn als meine Kinder am Mittag nach Hause kamen, stellten sie die Frage, die angesichts der Nachrichtenflut wohl vielen kurz durch den Kopf geht: Mama, waren das Bomben aus dem Krieg? Kommt er nun zu uns?

Ja – die Situation im Nahen Osten macht auch vor meinen Kindern keinen Halt. Auch wenn bei uns zu Hause nie Nachrichten laufen, bekommen sie diese Dinge in der Schule mit.

Mein erster Impuls war, ihnen zu sagen, dass sie keine Angst haben müssen. Wir seien in der Schweiz relativ sicher, die Schweiz war bisher neutral, und der Krieg sei weit weg.

Doch kann ich ihnen das wirklich garantieren? Ehrlich gesagt: Auch ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn ich manchmal kurz Nachrichten lese. Denn nichts im Leben ist wirklich sicher. Alles verändert sich ständig.

Deshalb entschied ich mich für einen anderen Weg. Ich fragte zuerst nach: Was wissen sie eigentlich? Und wie geht es ihnen damit?

Ihre Antworten waren aufschlussreich. In der Schule wurde bereits von einem Weltkrieg geflüstert, davon, dass bald Bomben auf unsere Häuser fallen würden. Nun ja – sechsjährige Kinder neigen eben zum Dramatisieren. Die Stimmung bei meinen beiden war gemischt: mein eines Kind eher neugierig und mit Fragen, das andere etwas stiller, nachdenklicher. Eine echte, grosse Angst war es nicht – aber eine Unsicherheit, die Raum brauchte.

Wie also sieht ein gesunder Umgang mit Angst aus?

Dafür lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und zu verstehen, wie Angst überhaupt entsteht.

Angst entsteht häufig dort, wo wir eine Situation als bedrohlich erleben – und gleichzeitig das Gefühl haben, ihr hilflos ausgeliefert zu sein. Keinen Einfluss zu haben. Nichts tun zu können.

Das bedeutet: Angst lässt sich nicht einfach „wegmachen“. Sie lässt sich nicht auflösen, indem wir sagen: „Alles ist gut.“ Was wir aber tun können, ist ein Gefühl von Selbstwirksamkeit zu fördern.

Wer sich mit dem bedrohlichen Thema auseinandersetzt, sich informiert und mögliche Handlungsstrategien überlegt, gewinnt Orientierung – und damit auch ein Stück innerer Kontrolle. Nicht über das Weltgeschehen. Aber über den eigenen Umgang damit.

Das bedeutet: weniger Überforderung, mehr Handlungssicherheit. Und genau daraus entsteht Selbstwirksamkeit.

Wir gingen also gemeinsam verschiedene Szenarien durch. Was würden wir tun? Was wäre möglich? Wie könnte man gewisse Dinge handhaben?

Schliesslich kam mein Sohn auf eine Idee: Wir sollten eine kleine Notfallecke einrichten – mit den wichtigsten Dingen, die man zu Hause haben sollte. Ich gab ihm den Auftrag, eine Liste zu schreiben, damit wir das gemeinsam umsetzen können.

Er wirkte danach nicht mehr ängstlich. Sondern entschlossen.

Denn genau in diesem Moment bekam er etwas Entscheidendes zurück: das Gefühl, aktiv handeln zu können. Nicht ohnmächtig zu sein.


Ich glaube nicht, dass meine Kinder von nun an völlig unbesorgt mit diesem Thema umgehen werden. Vielleicht bleibt eine gewisse Unsicherheit – und das ist völlig in Ordnung. Ich bin nicht der Meinung, dass ich meine Kinder in Watte packen muss. Die Welt ist kein absolut friedlicher Ort, und das wissen sie.

Kinder werden immer wieder an Punkte kommen, an denen sie sich mit Dingen auseinandersetzen müssen, von denen wir Eltern uns wünschen würden, sie müssten es nicht.

Unsere Aufgabe als Eltern liegt meiner Ansicht nach genau dort: sie in solchen Momenten zu begleiten. Ihnen nicht die Angst auszureden, sondern ihnen zu zeigen, wie man mit ihr umgeht. Wie man Unsicherheit aushält, ohne daran zu zerbrechen. Und wie man trotzdem handlungsfähig bleibt.

Denn genau das macht sie irgendwann zu kompetenten, resilienten Erwachsenen.

Was meine Kinder heute mitnehmen durften:

Du bist deiner Angst nicht einfach ausgeliefert. Du darfst etwas dagegen tun.

Dass ich ihnen das mitgeben kann, liegt daran, dass ich es selbst lernen durfte. Denn wie soll ich etwas weitergeben, was ich selbst nicht kenne?

Und vielleicht ist das die eigentliche Frage, die dieser Tag aufwirft – nicht nur für meine Kinder, sondern auch für mich, und vielleicht für dich:

Wie gehst du mit deiner Angst um? Schaust du hin – oder drückst du sie lieber weg?

Denn nur wer hinschaut, wer weiss, was in ihm vorgeht, kann erkennen, was er selber tun kann. Diese Selbstwirksamkeit gibt Halt und Sicherheit – in einer Welt, die sich nicht immer kontrollieren lässt.

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