Wenn wir von Gefühlen sprechen, sind wir uns oft gar nicht bewusst, dass wir meist nur über sie nachdenken und nicht wirklich spüren, wie sie sich im Körper anfühlen. Wir haben gelernt, wie wir über Gefühle denken können, sollen oder dürfen, aber nie, wie wir sie wirklich fühlen.
„Sei nicht so wütend.“
„Hab keine Angst.“
„Nein, das tut doch gar nicht weh.“
Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die solche Sätze in ihrer Kindheit häufig gehört hat. Wenn ich wütend war, hiess es: Sei nicht so wütend. Tu nicht so. Wenn ich ängstlich war: Du musst keine Angst haben, so schlimm ist das nicht.
Was ich dadurch gelernt habe, war nicht, wie ich mit meinen Gefühlen umgehen kann, sondern dass meine Gefühle nicht richtig sind, keinen Raum haben oder besser gar nicht da sein sollten, vor allem meine Wut.
Heute weiss ich: Meine Eltern handelten nach bestem Wissen und Gewissen. Auch sie haben als Kinder nichts anderes gelernt. Doch genau deshalb konnten sie mir nicht zeigen, wie ich meine Gefühle sicher fühlen kann und wie sie auch wieder gehen dürfen. Was ich gelernt habe, war also nicht Fühlen, sondern Denken über Gefühle.
Es wundert mich rückblickend nicht, dass ich als junge Erwachsene meine Gefühle zwar benennen konnte, sie aber kaum körperlich gespürt habe. Ich wusste, dass ich wütend war, doch ich spürte keine Wut im Körper. Ich wusste, dass ich traurig war, doch ausser ein paar Tränen war da wenig Empfindung. Stattdessen nahm ich diffuse Schmerzen wahr. Einen Körper, von dem ich dachte, er funktioniere nicht richtig. Zu sensibel. Zu viel.
Mit der Geburt meines Sohnes veränderte sich etwas. Plötzlich spürte ich Wut im Bauch, wenn ich wütend war. Ein für mich sehr befremdliches Gefühl, eines, das bitte möglichst schnell wieder verschwinden sollte. Also unterdrückte ich diese Wut, genauso wie all die neuen körperlichen Empfindungen, die sich zeigten. Heute wundert es mich nicht mehr, dass ich irgendwann mit starken Panikattacken zu kämpfen hatte.
(Diese Geschichte erzähle ich hier.)
Denn was ich damals noch nicht wusste: Nicht gefühlte Gefühle setzen sich im Körper fest. Gefühle sind Energie, sie wollen sich bewegen, sie wollen fliessen. Werden sie nicht gelebt, stauen sie sich an. Und sie suchen sich ihren eigenen Weg, oft genau dann, wenn wir ohnehin unter Stress stehen und das System zusätzlich belastet ist.
Als ich von diesem Konzept hörte, erschien es mir einleuchtend. Ich dachte, ich müsse einfach im Gefühl bleiben, bis es geht. Doch genau das passierte nicht. Die Gefühle drehten sich wie ein Karussell, sie kamen immer wieder und hörten scheinbar nicht auf.
Erst als ich zu jemandem ging, der mit mir Focusing machte, veränderte sich etwas. Dabei wird genau das trainiert, was so entscheidend ist: das Gefühl, im Körper wahrzunehmen. Zum ersten Mal erkannte ich, dass viele der Empfindungen und diffuse Schmerzen, die ich hatte, tatsächlich zu meinen Gefühlen gehörten. Und trotzdem blieb die Frage: Warum drehte sich das Karussell weiter?
Die Antwort liegt darin, dass wir Gefühle oft nur denken, nicht fühlen. Wenn wir emotional reagieren, entstehen Bilder im Kopf. Nehmen wir eine Auseinandersetzung mit dem Partner: Er sagt oder tut etwas, das uns verletzt, und wir werden wütend. In dieser Wut tauchen immer wieder Bilder vom Streit auf, bestimmte Sätze, Gedanken von Ungerechtigkeit. Wenn wir glauben, wir geben dem Gefühl Raum, geben wir in Wahrheit nur diesem Gedanken mehr Raum. Wir verstricken uns in ihnen, es wird intensiver, dichter, schwerer und hört nicht mehr auf.
An diesem Punkt lenken sich viele ab. Mit Social Media, Essen, Alkohol, Zigaretten oder auch Sport. Sport kann bis zu einem gewissen Grad regulierend wirken, doch das Grundproblem bleibt: Das Gefühl wurde nie wirklich gefühlt. Es wurden nur die Gedanken aufrechterhalten, die das Gefühl auslösen. Wird diese Aktivierung anschliessend betäubt, bleibt die Energie im Körper gespeichert und taucht zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf.
Was also kannst du tun, um aus diesem Kreislauf auszusteigen?
Raus aus dem Kopf. Rein ins Körpergefühl.
Denn erst wenn wir ein Gefühl im Körper wahrnehmen, nicht analysieren, nicht erklären, nicht bewerten, schaffen wir die Grundlage dafür, es wirklich zu durchleben. Und genau dort beginnt das, was viele suchen: echte Regulation.
Es gibt Wege, Gefühle wirklich zu spüren, ohne von ihnen überrollt zu werden. Im Kurs oder im 1:1-Coaching begleite ich dich genau dabei.
Erkennst du dich in diesem Text wieder? Das ist völlig in Ordnung – auch wenn du schon viel ausprobiert hast und das Karussell sich trotzdem immer wieder dreht. Vielleicht brauchst du einfach noch etwas Unterstützung. Ich begleite dich dabei gerne persönlich, im 1:1 oder in kleinen Gruppen im Erfahrungsraum.